Studieren mit Depressionen ist eine enorme Herausforderung – aber kein Grund, aufzugeben. Es ist möglich, einen Weg durch das Studium zu finden, selbst wenn es gerade viel Kraft raubt. Erfahre, wie du Belastungen reduzieren, Hilfe finden und deine Rechte nutzen kannst.
Studieren mit Depressionen – Das Wichtigste kurz gefasst
- Depressionen sind eine ernsthafte Krankheit, keine Schwäche. Sie sind mehr als nur Traurigkeit oder Stress. Suche dir professionelle Hilfe, da die Erkrankung in der Regel nicht ohne Behandlung verschwindet.
- Du bist nicht allein: Die psychische Belastung unter Studierenden ist hoch. Mit 17 Prozent hatte jede:r Sechste in Deutschland mindestens eine Diagnose einer psychischen Störung (TU München, 2023).
- Du hast ein Recht auf Unterstützung, egal ob du bereits mit Depressionen ins Studium gestartet bist oder ob Prüfungsdruck, Selbstzweifel oder Zukunftsangst die Erkrankung im Studium erst ausgelöst haben.
- Die psychologische Beratung deines Studierendenwerks kann dich zu deinen Möglichkeiten beraten und dir eine erste Orientierung bieten.
- Arztbesuch, Behandlung und Attest: Lass dich von einer Ärztin oder einem Arzt untersuchen und beraten. Er oder sie wird eine Diagnose stellen, die Behandlung festlegen und dir ein Attest zur Studier- und Prüfungsunfähigkeit ausstellen, das die nächsten drei Schritte ermöglicht.
- Ein Nachteilsausgleich ermöglicht, Prüfungen an deine Bedürfnisse anpassen zu lassen Die inhaltlichen Anforderungen bleiben identisch.
- Ein Urlaubssemester ist ebenfalls bei einer Krankheit möglich.
- Eine BAföG-Verlängerung ist machbar, wenn auf Basis des Attests ein spezieller Antrag gestellt wird.
- Digitale Hilfe: Die Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) deprexis bietet dir tägliche therapeutische Unterstützung. Deine Arztpraxis kann dir ein Rezept ausstellen, die Krankenkasse übernimmt die Kosten.
- Bei einer akuten Krise rufe bitte den Notruf unter 112 oder nutze die TelefonSeelsorge online oder per Telefon unter 0800 111011, 0800 1110222 oder 116 123.
Was sind Depressionen?
Eine Depression ist mehr als nur eine Phase tiefer Traurigkeit, die auf Stress oder Misserfolge reagiert. Sie ist eine ernsthafte, medizinisch anerkannte psychische Erkrankung, die sich durch tiefgreifende Symptome auszeichnet, die über Wochen oder Monate anhalten. Im Gegensatz zu normaler Niedergeschlagenheit ist eine klinische Depression oft von einer anhaltend gedrückten Stimmung, Freud- und Interessenlosigkeit sowie starkem Antriebsmangel geprägt. Sie betrifft nicht nur die Psyche, sondern den gesamten Körper und die Lebensführung.
Zu den Kernsymptomen gehören Konzentrations- und Schlafstörungen, die sich direkt auf das Studieren auswirken, indem sie das Lernen und die Organisation fast unmöglich machen. Hinzu kommen oft starke Schuldgefühle, ein massiv vermindertes Selbstwertgefühl und das Gefühl innerer Leere. Da es sich um eine Krankheit mit biologischen, psychischen und sozialen Ursachen handelt, ist eine professionelle Behandlung in Form einer Therapie, gegebenenfalls in Kombination mit Medikamenten notwendig. Nur so lässt sich der Kreislauf durchbrechen und die Studierfähigkeit wiederherstellen.
Erste Schritte und Anlaufstellen auf dem Campus
Wenn das Studium auf die Psyche schlägt, fühlst du dich vielleicht allein. Du bist es aber nicht. Die erste und wichtigste Botschaft fürs Studieren mit Depressionen ist, dass du schnell Hilfe bekommen kannst. Viele Hochschulen bieten eine psychosoziale Beratung und vertrauliche Hilfe an – diese ist meist kostenfrei und schnell zugänglich.
Checkliste für die ersten Schritte
- Schnell einen Termin bei der Hausärztin oder dem Hausarzt vereinbaren. Sie oder er wird dich untersuchen, eine Diagnose stellen und dich zu den möglichen Behandlungsschritten beraten. Bitte um eine Bescheinigung, dass du aktuell nicht studier- oder prüfungsfähig bist. Dieses Attest ist die Grundlage für fast alle Anträge: Rücktritte von Prüfungen, Fristverlängerungen und Nachteilsausgleiche sowie die Verlängerung des BAföG. Schaue in deiner Prüfungsordnung nach, ob eventuell eine amtsärztliche Bescheinigung gefordert wird, auch wenn in den meisten Fällen ein ärztliches Attest genügt.
- Psychologische Beratung des Studierendenwerks kontaktieren. Die Termine sind kostenfrei, vertraulich und eine gute und weitere Orientierungshilfe. Du bekommst eine Einschätzung und Unterstützung für die nächsten formalen Schritte, oft auch digital. Eine Übersicht der 57 Studierendenwerke in Deutschland bietet das Deutsche Studierendenwerk.
- Fakultät bzw. Prüfungsamt kurz informieren. Schick eine kurze, sachliche Mail, dass du aufgrund gesundheitlicher Probleme eine Beratung in Anspruch genommen hast und gerade Fristen prüfst. Bitte in dieser Mail um eine Fristwahrung, bis du die notwendigen Unterlagen einreichen kannst. Ein Muster findest du weiter unten.
- Anträge vorbereiten. Je nach deiner Situation bereitest du die Anträge für einen Nachteilsausgleich, den Rücktritt von Prüfungen, Fristverlängerungen oder für ein Urlaubssemester vor – siehe dazu die nächste Sektion „Rechte & Formulare“.
Digitale Unterstützung mit deprexis
deprexis ist eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) speziell für Depressionen. Sie ist im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gelistet. Du kannst sie dir von deiner Ärztin oder deinem Arzt verschreiben lassen. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. deprexis kann dich sofort therapeutisch unterstützen – an jedem Ort und zu jeder Zeit.
Rechtliches und Formulare
Bei einer Depression während des Studiums kann es im Zweifel wichtig sein, sich formal abzusichern und Luft zu verschaffen. Halte dich bei allen Schritten zusätzlich an deine Prüfungsordnung, die die Details regelt. Die Prüfungsordnung ist ein verbindliches Regelwerk einer jeden Hochschule, das die Anforderungen, Verfahren und Rahmenbedingungen für eine Prüfung festlegt. Nachfolgend bekommst du praktische Hilfe und Anregungen zur E-Mail an das Prüfungsamt.
Nachteilsausgleich im Überblick
Der Nachteilsausgleich soll formale Benachteiligungen wegen einer chronischen Erkrankung oder Behinderung ausgleichen. Wichtig: Er passt nicht die inhaltlichen Anforderungen der Prüfung an, sondern nur die Form. Typische Maßnahmen sind: Zeitverlängerung, ein separater Raum, Pausenregelungen, die Nutzung von Hilfsmitteln oder alternative Prüfungsformate (z. B. mündlich statt schriftlich).
Antragsverfahren (vereinfacht)
- Antrag stellen: Reiche einen Antrag beim Prüfungsamt ein und begründe ihn. Viele Hochschulen stellen dafür spezielle Formblätter bereit.
- Nachweise beilegen: Das ärztliche Attest ist der zentrale Nachweis. Gelegentlich wird eine zusätzliche amtsärztliche Bescheinigung gefordert.
- Fristen beachten: Der Antrag muss immer vor der Prüfung oder Abgabe der Arbeit gestellt werden. Ein nachträgliches Einreichen ist nur in seltenen Ausnahmen möglich.
- Härtefallantrag: Manche Hochschulen haben spezielle Härtefallregelungen. Diese können zum Einsatz kommen, wenn du Fristen verpasst hast, z.B. bei einem Prüfungsrücktritt oder auch bei der Vergabe von Studienplätzen. Frag beim Prüfungsamt nach den spezifischen Gründen für einen Härtefallantrag und dem richtigen Vorgehen.
Rücktritt & Fristverlängerung
Wenn du aus gesundheitlichen Gründen nicht prüfungsfähig bist, musst du das Prüfungsamt sofort informieren und das ärztliche Attest zeitnah einreichen. Bei Haus- oder Abschlussarbeiten kannst du ebenfalls eine Fristverlängerung aufgrund deiner Erkrankung beantragen.
Muster-Mail an Prüfungsamt (zum Kopieren)
Betreff: Gesundheitliche Beeinträchtigung – Bitte um Fristwahrung / Information
Sehr geehrte Damen und Herren,
aufgrund einer aktuellen gesundheitlichen Beeinträchtigung (ärztliches Attest liegt vor) benötige ich Beratung zu Rücktritt/Fristverlängerung/Nachteilsausgleich. Ich bitte um Fristwahrung, bis ich die Unterlagen eingereicht habe.
Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen
(Dein Name, Matrikelnummer, Studiengang)
Urlaubssemester wegen Krankheit
Ein Urlaubssemester ist möglich, wenn du wegen deiner Erkrankung dein Studium vorübergehend nicht ordnungsgemäß fortführen kannst. Meistens ist ein ärztliches Attest ausreichend. Die genauen Details regelt das Hochschulrecht oder die jeweilige Satzung. Wichtig: Während der Beurlaubung ruhen oft deine Rechte, Prüfungen abzulegen und dich zurückzumelden. Manchmal können auch die Semesterbeiträge entfallen. Kläre unbedingt mit deinem Prüfungsamt, ob Arbeiten oder Prüfungen während der Beurlaubung trotzdem möglich sind.
BAföG
Wenn sich dein Studium wegen einer schweren Krankheit oder Behinderung verzögert, kann die Förderungsdauer verlängert werden. Beantrage dies unbedingt rechtzeitig, bevor dein aktueller Bewilligungszeitraum endet. Beachte dabei die Regelungen zum Leistungsnachweis in § 48 BAföG.
- Das Formblatt 10 dient als ärztlicher Nachweis für krankheitsbedingte Studienverzögerungen.
- Die Drei-Monats-Regel: Dauert die Krankheit länger als drei Monate, gelten Besonderheiten. Informiere dein BAföG-Amt frühzeitig über die Situation.
Werkzeuge, die den Studienalltag entlasten
Bei einer Depression im Studium brauchst du praktische Werkzeuge, um die alltägliche Last zu vermindern. Hier erfährst du, was du ab sofort im Alltag dafür tun kannst.
1) Der Minimal-Plan (täglich 3×15 Minuten)
Wenn die Energie nicht reicht, ist der Minimal-Plan deine Rettung. Er besteht aus drei kurzen Blöcken und soll dir als Brücke dienen, bis du wieder stabiler bist.
- Block A „Pflicht“: Erledige eine sehr kleine Aufgabe, die den Studienbetrieb am Laufen hält, z.B. eine E-Mail öffnen, ein Formular anschauen, einen Literaturtitel notieren.
- Block B „Lernen“: Arbeite 15 Minuten konzentriert an einem Abschnitt. Notiere danach sofort den nächsten Mini-Schritt, den du morgen angehen kannst.
- Block C „Energie“: Tu etwas, das dir Kraft zurückgibt, z.B. kurz spazieren gehen, duschen oder ein gesundes Essen zubereiten.
2) Energie-Management in Wellen
Plane kurze Arbeitsphasen. Nutze zum Beispiel die Pomodoro-Technik: Arbeite 25 bis 40 Minuten und mache dann 10 Minuten Pause. Erledige schwierige Aufgaben in deinen Zeiten mit etwas höherer Energie, zum Beispiel am Vormittag.
3) Lerntechnik „Erklären statt Markern“
Anstatt lange Texte nur zu markieren, versuche, das Gelesene in drei Sätzen jemand anderem zu erklären. Das hilft gegen Grübeln, fördert die Konzentration und macht den Lernstoff besser zugänglich.
4) „Two-Tab-Regel“ am Rechner
Öffne maximal zwei Browser-Tabs für deine aktuelle Aufgabe und schalte alle Benachrichtigungen aus. Das mindert Reize und Ablenkungen, was gerade bei Konzentrationsproblemen im Studium mit Depressionen extrem wichtig ist.
5) Soziale Mikro-Schritte
Wähle bewusst Kontakte, die dich nicht überfordern: eine kurze Chat-Nachricht an eine Kommilitonin, in einem Lernraum statt allein zu Hause arbeiten oder einen regelmäßigen Lern-Buddy finden. Soziale Verbindungen geben dir eine wichtige Stütze.
6) Prüfungen strategisch planen
Fokussiere dich zuerst auf machbare Leistungsnachweise, die dir schnelle Erfolge bringen. Stell frühzeitig einen Antrag auf Nachteilsausgleich oder eine Fristverlängerung, wenn du weißt, dass du mehr Zeit brauchst.
7) Den Tag strukturieren
Halte feste Zeiten ein, zu denen du morgens aufstehst, kurz spazieren gehst und deine Mahlzeiten einnimmst. Eine Tagesstruktur kann dir Halt geben.