Eine depressive Persönlichkeitsstörung erkennen und behandeln
Zusammenfassung

Menschen mit einer depressiven Persönlichkeitsstörung denken, fühlen und handeln dauerhaft depressiv, ihre Depressionen sind tief verwurzelt. Erfahre mehr über die Gründe, Symptome und Behandlung dieser Erkrankung und was sie von einer Depression unterscheidet.

Depressive Persönlichkeitsstörung: Das Wichtigste kurz gefasst

  • Eine depressive Persönlichkeitsstörung ist durch eine chronisch depressive Grundstimmung und eine negative, pessimistische Haltung gekennzeichnet, die im frühen Erwachsenenalter beginnt und über einen langen Zeitraum besteht.
  • Symptome: Betroffene werten sich selbst ab, grübeln viel und ziehen sich sozial zurück.
  • Unterscheidung: Während eine Depression eine akute, zeitlich begrenzte Erkrankung ist, hält eine depressive Persönlichkeitsstörung über Jahre an. Beides kann gleichzeitig vorliegen.
  • Ursachen: Die depressive Persönlichkeitsstörung entsteht durch ein Zusammenspiel aus einem angeborenen Temperament, Lebenserfahrungen und automatisierten, negativen Denkmustern. Diese Einflüsse sind therapeutisch veränderbar.
  • Behandlung: Wissenschaftlich fundierte psychotherapeutische Verfahren sind zum Beispiel die Schematherapie oder die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Ergänzend können Medikamente eingenommen werden.
  • Ein zusätzliches Selbstmanagement mit ausreichend Schlaf, viel Bewegung und sozialen Aktivitäten sowie ein freundlicher Umgang mit sich selbst unterstützen die Heilung entscheidend.
  • Hilfe finden: Qualifizierte Anlaufstellen sind Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychotherapeut:innen sowie Krisendienste. Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) können die Selbsthilfe im Alltag unterstützen.

Was ist eine depressive Persönlichkeitsstörung?

Eine depressive Persönlichkeitsstörung beschreibt ein Muster chronischer negativer und pessimistischer Einstellungen, das sich in Gefühlen von Wertlosigkeit, Niedergeschlagenheit und mangelnder Freude äußert. Betroffene fühlen sich häufig schuldig, sehen das Schlechte in Situationen und suchen oft die Schuld bei sich selbst, was zu einem Teufelskreis führen kann. Die Symptome sind langanhaltend und beeinträchtigen die Lebensqualität sowie die Beziehungen in der Partnerschaft, der Familie, zu Freunden und auf der Arbeit.

Eine Krankheit mit kompliziertem Namen?

Nein, eine depressive Persönlichkeitsstörung gilt in der Medizin nicht als eigenständige Krankheit. Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die beiden Diagnosesysteme, nach denen psychische Krankheiten In Deutschland definiert werden: Nach dem internationalen Diagnosesystem ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem amerikanischen Diagnosesystem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders).

Die depressive Persönlichkeitsstörung war im DSM nur ein Vorschlag von Forschenden und wurde nicht als offizielle Krankheit aufgenommen. Im ICD wird die Krankheit nicht mehr mit einem starren Namen belegt, sondern nach dem Schweregrad und den vorherrschenden Merkmalen beschrieben – zum Beispiel mit dem Merkmal “negative Affektivität”, was für die starke Neigung zu negativen Gefühlen steht.

Die Symptome

Die Muster der Symptome einer depressiven Persönlichkeitsstörung sind tief in der Persönlichkeit verankert. Es betrifft die innere Stimme und die Art, wie das Denken abläuft, welche Gefühle und welches Verhalten vorherrschen, sowie die Gestaltung von Beziehungen.

  • Typische Denkmuster:

Häufig dominieren im Kopf innere Glaubenssätze, die stark abwertend sind, wie: „Ich genüge nicht“ oder „Es wird sowieso schiefgehen“. Erfolge werden aktiv kleingeredet und relativiert („Das war nur Glück“), während Fehler übermäßig aufgeblasen werden. Das Selbstbild und das Zukunftsbild sind düster und von Pessimismus geprägt. Dieses energieraubende Grübeln gehört zu den häufigsten Beschwerden im Alltag.

  • Fühlen und Verhalten:

Fühlen: Die Stimmung ist oft anhaltend niedergeschlagen oder gedrückt. Scham- und Schuldgefühle sind weit verbreitet. Die Freude fühlt sich oft gedämpft oder unvollständig an.

Verhalten: Betroffene neigen zu einem Rückzug und Zögern, oft aus Angst, etwas falsch zu machen. Manchmal führt die innere Überforderung auch zu Überanpassung oder einer Art Erschöpfungs-Vermeidung. Motto: „Wenn ich nichts richtig anfange, kann ich auch nicht scheitern.“ Dementsprechend werden Entscheidungen gerne aufgeschoben.

  • Beziehungen:

Die Nähe zwischen zwei Menschen ist in Beziehungen sehr wichtig. Bei Menschen, die unter einer depressiven Persönlichkeitsstörung leiden, ist die Angst sehr groß, dem Partner oder der Partnerin zur Last zu fallen. Dies kann zu einer Überanpassung, zur Konfliktvermeidung oder zu stiller Kränkung führen, weil die eigenen Bedürfnisse in der Stimmung der Selbstabwertung kaum geäußert werden. Betroffene haben das Gefühl, Zuneigung nicht wirklich zu verdienen.

Unterschied zwischen einer depressiven Persönlichkeitsstörung und einer Depression

Wenn sich Menschen in diesen Mustern wiedererkennen, kommt oft die Frage auf, ob es sich um eine Depression oder um eine depressive Persönlichkeitsstörung handelt. Hier liegt der zentrale und wichtige Unterschied.

Dauerhaftes Muster versus Episode

Stell dir den Unterschied zwischen einer depressiven Persönlichkeitsstörung und einer Depression wie den Unterschied zwischen deiner Grundstimmung und einem schlechten Tag vor:

  • Depression als Episode: Das ist wie eine schwere Krankheitswelle, die plötzlich beginnt und wieder endet. Sie ist zeitlich begrenzt und kann durch Ereignisse ausgelöst werden. Hier stehen akute, sehr starke Symptome im Vordergrund, wie massive Erschöpfung oder dass du an gar nichts mehr Freude hast.
  • Depression als Persönlichkeitsmuster: Das ist wie eine dauerhafte Färbung deiner Persönlichkeit. Die Grundstimmung ist tief verwurzelt und besteht schon seit deiner Jugend über viele Jahre hinweg. Sie ist stabil und macht inzwischen einen Teil deiner Persönlichkeit aus.

Eine depressive Persönlichkeitsstörung und eine Depression können sich überlappen. Zum dauerhaften Muster kann zusätzlich eine akute Depression hinzukommen. In diesem Fall behandeln Psychotherapeut:innen zuerst die akuten Symptome der Depression, da diese am dringendsten sind.

Ursachen, Verlauf und Behandlung einer depressiven Persönlichkeitsstörung

Warum entwickelt sich eine depressive Persönlichkeitsstörung? Die Ursachen sind meist ein Zusammenspiel aus:

  • Anfälligkeit: Dazu zählt ein angeborenes Temperament, das eher zu negativen Emotionen neigt.
  • Lerngeschichte: Häufig spielen frühe Lernerfahrungen eine Rolle, etwa das Gefühl, nicht akzeptiert oder ständig kritisiert worden zu sein.
  • Schemata: Diese frühen Erfahrungen werden als Überzeugungen von sich selbst abgespeichert. Beispiele: „Ich bin wertlos“ oder „Ich darf keine Fehler machen“. Diese Überzeugungen oder Glaubenssätze werden auch Schemata genannt und sind extrem stabil, aber therapeutisch veränderbar.

Psychotherapie-Ansätze

Eine depressive Persönlichkeitsstörung wird – wie eine Depression – hauptsächlich mit Psychotherapie behandelt. Betroffene lernen in Gesprächen und Übungen, wie sie ihre Schemata verändern können. Diese drei Therapieformen kommen in Frage:

  • Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

Das passiert in der Therapie: Erkennen und Prüfen von automatischen, abwertenden Gedanken. Training neuer Perspektiven und Verhaltensweisen.

Ziel der Therapie: Lernen, Muster zu durchbrechen und aktiv andere Schritte zu gehen – kleine Schritte mit vielen Wiederholungen.

  • Schematherapie

Das passiert in der Therapie: Arbeitet an den tief verwurzelten biografischen Schemata („Ich bin nicht liebenswert“). Üben eines freundlichen und fürsorglichen Umgangs mit sich selbst.

Ziel der Therapie: Aufbau einer inneren Stabilität und der Fähigkeit zur Selbstfürsorge.

  • Interpersonelle Psychotherapie (IPT)

Das passiert in der Therapie: Beleuchten der aktuellen Beziehungsmuster und Lernen des Umgangs mit Nähe und Distanz.

Ziel der Therapie: Lernen von Konfliktfähigkeit und Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse.

Medikamente

Zusätzlich zur Therapie kommen Medikamente in Form von Antidepressiva nur dann infrage, wenn zusätzlich zur depressiven Persönlichkeitsstörung eine depressive Episode vorliegt. Ein Antidepressivum kann keine tief verwurzelten Überzeugungen und Beziehungsmuster verändern, dafür braucht es eine kontinuierliche therapeutische Arbeit und Übung.

Selbstmanagement im Alltag

Zwischen den einzelnen Therapiesitzungen ist das Selbstmanagement im Alltag entscheidend. Die Therapie liefert den Betroffenen Impulse, wie sie ihre negativen Einstellungen aktiv durchbrechen und freundlicher mit sich selbst umgehen. Das beginnt mit einer klaren Tagesstruktur und ausreichend Schlaf. Besonders wichtig ist es, aktiv zu werden, um dem Rückzug entgegenzuwirken. Dazu gehört auch die Pflege sozialer Kontakte in kleinen Schritten, indem Betroffene kurze Nachrichten verschicken oder Einladungen von Freunden annehmen. Sie lernen, sich selbst ein verlässlicher und zugewandter Freund zu werden.

Digitale Unterstützung mit deprexis

deprexis ist ein digitales, strukturiertes Programm mit Modulen aus der Kognitiven Verhaltenstherapie. Es begleitet die Betroffenen im Alltag und liefert Wissen, Impulse und konkrete Übungen. Damit unterstützt es das oben genannte Selbstmanagement im Alltag. Studien zeigen, dass Teilnehmende depressive Symptome spürbar reduzieren können. In Deutschland können Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) von der Hausarztpraxis verschrieben werden. Die Krankenkassen übernehmen in der Regel die Kosten. Das Beste: deprexis kann zu jeder Zeit und an jedem Ort über das Internet genutzt werden.

Leben mit einer depressiven Persönlichkeitsstörung

Die Symptome einer depressiven Persönlichkeitsstörung treten dann besonders stark hervor, wenn Menschen sich verletzlich fühlen – zum Beispiel bei Kritik, in unbekannten Situationen oder an Feiertagen. Mit den folgenden Ideen gewinnen Betroffene mehr Kontrolle über ihren Alltag.

Beziehungen und Kommunikation

Ein aktives und bewusstes Management von Beziehungen ist entscheidend. Es hilft, Zweifel und Ängste in „Ich-Sätzen“ zu formulieren, anstatt die Schuld bei anderen zu suchen – Beispiel: „Ich merke, dass ich mich zurückziehe, weil ich Angst vor Ablehnung habe“. Dabei sollte um eine konkrete Rückmeldung gebeten werden: „Wie hast du das wahrgenommen?“ 

Beruf

Im Arbeitsleben kann der Drang zum Perfektionismus und die Selbstkritik zu einer Unfähigkeit führen, Entscheidungen zu treffen. Hier kann eine bewusste Strukturierung helfen:

  • Es empfiehlt sich, Aufgaben in kleine Pakete zu zerlegen, weil sie einfacher zu erledigen sind und erste Erfolge erlebt werden.
  • Mit der „30-Prozent-Regel“ werden Aufgaben zunächst unperfekt begonnen und nur bis zu 30 Prozent erledigt. Dies schützt Betroffene davor, in eine Lähmung zu geraten oder sich zu überarbeiten. In den nachfolgenden Schritten wird die Aufgabe dann vollständig erledigt.
  • Betroffene schützen sich vor einer Überanpassung, wenn sie ihre Kolleg:innen um klare Prioritäten bitten. Überanpassung bedeutet, dass jemand ständig versucht, es allen anderen recht zu machen – den Kolleg:innen, dem Chef oder der Chefin. Man stellt die eigenen Bedürfnisse hinten an und sagt fast nie „Nein“, selbst wenn man schon völlig überlastet ist.

Feiertage

  • An Feiertagen fühlen sich viele Menschen besonders verletzlich. Es ist dann wichtig, keine perfekte, glückliche Stimmung zu erwarten. Ein wesentlicher Schritt ist die Selbstakzeptanz: Betroffene dürfen akzeptieren, dass sie an diesen Tagen auch traurig sein können, denn diese Gefühle definieren nicht den eigenen Wert.
  • Ein eigenes Programm schafft Halt. Betroffene konzentrieren sich am besten auf Dinge, die ihnen gut tun. Sie können einen Spaziergang machen, eine Nachricht an eine nahestehende Person schicken, sich ein warmes Getränk zubereiten oder eine kleine Mahlzeit genießen.
  • Wenn sich die Symptome verstärken, die innere Stimme härter wird und der Rückzug zunimmt, sind Mini-Handlungen hilfreich: jemanden anrufen, Tageslicht tanken oder eine Aufgabe in 10-Minuten-Happen zerlegen.

Wichtiger Hinweis:

Wenn die Einsamkeit kippt und Gedanken an Suizid entstehen, muss sofort Hilfe geholt werden – über die Notrufnummer 112, den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 oder regionale Krisendienste.

Die wichtigsten Fragen & Antworten

Formen einer Depression

Betroffene sollten niemals versuchen, sich zusammenzureißen. Das ist nicht hilfreich. Auch sollten sie keine Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, weil Depressionen zu gestörten Wahrnehmungen führen können. Wichtig ist: Professionelle Hilfe suchen!

Nein. Medikamente in Form von Antidepressiva können zur Behandlung einer Depression sinnvoll sein, wenn sie mit einer Psychotherapie kombiniert werden. Persönlichkeitsmuster ändern sie jedoch nicht. Darum ist bei einer depressiven Persönlichkeitsstörung eine Therapie unverzichtbar.

Quellen