Studieren mit Depressionen ist eine enorme Herausforderung – aber kein Grund, aufzugeben. Es ist möglich, einen Weg durch das Studium zu finden, selbst wenn es gerade viel Kraft raubt. Erfahre, wie du Belastungen reduzieren, Hilfe finden und deine Rechte nutzen kannst.
Studieren mit Depressionen – Das Wichtigste kurz gefasst
- Depressionen sind eine ernsthafte Krankheit, keine Schwäche. Sie sind mehr als nur Traurigkeit oder Stress. Suche dir professionelle Hilfe, da die Erkrankung in der Regel nicht ohne Behandlung verschwindet.
- Du hast ein Recht auf Unterstützung, egal ob du bereits mit Depressionen ins Studium gestartet bist oder ob Prüfungsdruck, Selbstzweifel oder Zukunftsangst die Erkrankung im Studium erst ausgelöst haben.
- Die psychologische Beratung deines Studierendenwerks kann dich zu deinen Möglichkeiten beraten und dir eine erste Orientierung bieten.
- Arztbesuch, Behandlung und Attest: Lass dich von einer Ärztin oder einem Arzt untersuchen und beraten. Er oder sie wird eine Diagnose stellen, die Behandlung festlegen und dir ein Attest zur Studier- und Prüfungsunfähigkeit ausstellen, das die nächsten drei Schritte ermöglicht.
- Ein Nachteilsausgleich ermöglicht, Prüfungen an deine Bedürfnisse anpassen zu lassen Die inhaltlichen Anforderungen bleiben identisch.
- Ein Urlaubssemester ist ebenfalls bei einer Krankheit möglich.
- Digitale Hilfe: Die Digitale Gesundheitsanwendung (dGA) deprexis bietet dir tägliche therapeutische Unterstützung.
- Bei einer akuten Krise rufe bitte den Notruf unter 112 oder 144 oder nutze die TelefonSeelsorge online oder per Telefon unter 0800 111011, 0800 1110222 oder 116 123.
Was sind Depressionen?
Eine Depression ist mehr als nur eine Phase tiefer Traurigkeit, die auf Stress oder Misserfolge reagiert. Sie ist eine ernsthafte, medizinisch anerkannte psychische Erkrankung, die sich durch tiefgreifende Symptome auszeichnet, die über Wochen oder Monate anhalten. Im Gegensatz zu normaler Niedergeschlagenheit ist eine klinische Depression oft von einer anhaltend gedrückten Stimmung, Freud- und Interessenlosigkeit sowie starkem Antriebsmangel geprägt. Sie betrifft nicht nur die Psyche, sondern den gesamten Körper und die Lebensführung.
Zu den Kernsymptomen gehören Konzentrations- und Schlafstörungen, die sich direkt auf das Studieren auswirken, indem sie das Lernen und die Organisation fast unmöglich machen. Hinzu kommen oft starke Schuldgefühle, ein massiv vermindertes Selbstwertgefühl und das Gefühl innerer Leere. Da es sich um eine Krankheit mit biologischen, psychischen und sozialen Ursachen handelt, ist eine professionelle Behandlung in Form einer Therapie, gegebenenfalls in Kombination mit Medikamenten notwendig. Nur so lässt sich der Kreislauf durchbrechen und die Studierfähigkeit wiederherstellen.
Erste Schritte und Anlaufstellen, wenn du mit Depressionen studierst
Wenn das Studium auf die Psyche schlägt, fühlst du dich vielleicht allein. Du bist es aber nicht. Die erste und wichtigste Botschaft fürs Studieren mit Depressionen ist, dass du schnell Hilfe bekommen kannst. Viele Hochschulen bieten eine psychosoziale Beratung und vertrauliche Hilfe an – diese ist meist kostenfrei und schnell zugänglich.
Checkliste für die ersten Schritte
- Schnell einen Termin bei der Hausärztin oder dem Hausarzt vereinbaren. Sie oder er wird dich untersuchen und dich zu den möglichen Behandlungsschritten beraten. Bitte um eine Bescheinigung, dass du aktuell nicht studier- oder prüfungsfähig bist. Dieses Attest ist die Grundlage für fast alle Anträge wie beispielsweise Rücktritte von Prüfungen.. Schaue in deiner Prüfungsordnung nach, ob eventuell eine amtsärztliche Bescheinigung gefordert wird, auch wenn in den meisten Fällen ein ärztliches Attest genügt.
- Psychologische Beratung des Studierendenwerks kontaktieren. Die Termine sind kostenfrei, vertraulich und eine gute und weitere Orientierungshilfe. Du bekommst eine Einschätzung und Unterstützung für die nächsten formalen Schritte, oft auch digital.
- Fakultät bzw. Prüfungsamt kurz informieren. Schick eine kurze, sachliche Mail, dass du aufgrund gesundheitlicher Probleme eine Beratung in Anspruch genommen hast und gerade Fristen prüfst. Bitte in dieser Mail um eine Fristwahrung, bis du die notwendigen Unterlagen einreichen kannst.
- Anträge vorbereiten. Je nach deiner Situation bereitest du die Anträge für einen Nachteilsausgleich, den Rücktritt von Prüfungen, Fristverlängerungen oder für ein Urlaubssemester vor – siehe dazu die nächste Sektion „Rechte & Formulare“.
Digitale Unterstützung mit deprexis
deprexis ist eine digitale Gesundheitsanwendung (dGA) speziell für Depressionen und offiziell in der MiGeL gelistet. Du kannst sie dir von bestimmten Fachärzt:innen verordnen lassen. Die Kosten werden anteilig von der OKP erstattet. deprexis kann dich sofort therapeutisch unterstützen – an jedem Ort und zu jeder Zeit.
Rechtliches und Formulare bei Depressionen im Studium
Bei einer Depression während des Studiums kann es im Zweifel wichtig sein, sich formal abzusichern und Luft zu verschaffen. Halte dich bei allen Schritten zusätzlich an deine Prüfungsordnung, die die Details regelt. Die Prüfungsordnung ist ein verbindliches Regelwerk einer jeden Hochschule, das die Anforderungen, Verfahren und Rahmenbedingungen für eine Prüfung festlegt. Nachfolgend bekommst du praktische Hilfe und Anregungen zur E-Mail an das Prüfungsamt.
- Nachteilsausgleich im Überblick
Ein Nachteilsausgleich soll Nachteile ausgleichen, die dir durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung, chronische Erkrankung oder Behinderung im Studium entstehen. Dabei werden nicht die fachlichen Anforderungen oder Lernziele angepasst, sondern die Rahmenbedingungen, unter denen du deine Leistung erbringst. Je nach Hochschule und individueller Situation können beispielsweise folgende Anpassungen möglich sein:
- verlängerte Prüfungszeit
- zusätzliche oder individuell geregelte Pausen
- ein separater oder ruhiger Prüfungsraum
- angepasste Prüfungsbedingungen
- die Nutzung bestimmter Hilfsmittel oder
- eine angepasste Prüfungsform, sofern dies mit den Anforderungen des Studiengangs vereinbar ist
Welche Massnahmen möglich sind, hängt von deiner individuellen Situation und den Regelungen deiner Hochschule ab.
Antragsverfahren (vereinfacht):
Das genaue Verfahren unterscheidet sich zwischen Schweizer Hochschulen. Informiere dich deshalb frühzeitig bei der zuständigen Beratungs- oder Prüfungsstelle deiner Hochschule über die geltenden Voraussetzungen und Fristen.
- Antrag stellen: Reiche den Antrag bei der dafür zuständigen Stelle deiner Hochschule ein. Je nach Hochschule kann dafür ein bestimmtes Formular vorgesehen sein. Beschreibe, welche gesundheitliche Beeinträchtigung vorliegt und inwiefern sie dein Studium oder deine Prüfungssituation beeinträchtigt.
- Nachweis beilegen: In der Regel wird eine fachliche Bescheinigung benötigt, beispielsweise von einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychotherapeutischen Fachperson. Daraus sollte hervorgehen, welche studien- oder prüfungsbezogenen Einschränkungen bestehen und welche Anpassungen aus fachlicher Sicht sinnvoll sind. Eine detaillierte Diagnose muss dabei nicht immer gegenüber allen Stellen offengelegt werden.
- Fristen beachten: Stelle den Antrag möglichst vor der betreffenden Prüfung oder Leistung und beachte die Fristen deiner Hochschule. Ein nachträglicher Antrag ist häufig schwieriger und kann je nach Reglement ausgeschlossen sein.
- Individuelle Prüfung: Ein Nachteilsausgleich wird in der Regel individuell geprüft. Es gibt keinen automatisch festgelegten Anspruch auf eine bestimmte Massnahme, nur weil eine bestimmte Diagnose vorliegt. Entscheidend ist vielmehr, welche konkreten Nachteile durch die gesundheitliche Beeinträchtigung entstehen und wie diese angemessen ausgeglichen werden können.
- Wenn sich dein Zustand kurzfristig verschlechtert: Wenn eine akute gesundheitliche Situation dazu führt, dass du eine Prüfung nicht antreten oder eine Leistung nicht fristgerecht erbringen kannst, gelten je nach Hochschule besondere Regelungen. Wende dich möglichst schnell an die zuständige Stelle und erkundige dich, welche Nachweise und Möglichkeiten in deinem Fall vorgesehen sind.
- Rücktritt & Fristverlängerung
Wenn du aus gesundheitlichen Gründen nicht prüfungsfähig bist, musst du das Prüfungsamt sofort informieren und das ärztliche Attest zeitnah einreichen. Bei Haus- oder Abschlussarbeiten kannst du ebenfalls eine Fristverlängerung aufgrund deiner Erkrankung beantragen.
Muster-Mail an Prüfungsamt (zum Kopieren):
Betreff: Gesundheitliche Beeinträchtigung – Bitte um Fristwahrung / Information
Sehr geehrte Damen und Herren,
aufgrund einer aktuellen gesundheitlichen Beeinträchtigung (ärztliches Attest liegt vor) benötige ich Beratung zu Rücktritt/Fristverlängerung/Nachteilsausgleich. Ich bitte um Fristwahrung, bis ich die Unterlagen eingereicht habe.
Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüssen
(Dein Name, Matrikelnummer, Studiengang)
- Urlaubssemester wegen Krankheit
Ein Urlaubssemester ist möglich, wenn du wegen deiner Erkrankung dein Studium vorübergehend nicht ordnungsgemäss fortführen kannst. Meistens ist ein ärztliches Attest ausreichend. Die genauen Details regelt das Hochschulrecht oder die jeweilige Satzung. Wichtig: Während der Beurlaubung ruhen oft deine Rechte, Prüfungen abzulegen und dich zurückzumelden. Manchmal können auch die Semesterbeiträge entfallen. Kläre unbedingt mit deinem Prüfungsamt, ob Arbeiten oder Prüfungen während der Beurlaubung trotzdem möglich sind.
Werkzeuge, die den Studienalltag mit Depressionen entlasten
Bei einer Depression im Studium brauchst du praktische Werkzeuge, um die alltägliche Last zu vermindern. Hier erfährst du, was du ab sofort im Alltag dafür tun kannst.
1) Der Minimal-Plan (täglich 3×15 Minuten)
Wenn die Energie nicht reicht, ist der Minimal-Plan deine Rettung. Er besteht aus drei kurzen Blöcken und soll dir als Brücke dienen, bis du wieder stabiler bist.
- Block A „Pflicht“: Erledige eine sehr kleine Aufgabe, die den Studienbetrieb am Laufen hält, z.B. eine E-Mail öffnen, ein Formular anschauen, einen Literaturtitel notieren.
- Block B „Lernen“: Arbeite 15 Minuten konzentriert an einem Abschnitt. Notiere danach sofort den nächsten Mini-Schritt, den du morgen angehen kannst.
- Block C „Energie“: Tu etwas, das dir Kraft zurückgibt, z.B. kurz spazieren gehen, duschen oder ein gesundes Essen zubereiten.
2) Energie-Management in Wellen
Plane kurze Arbeitsphasen. Nutze zum Beispiel die Pomodoro-Technik: Arbeite 25 bis 40 Minuten und mache dann 10 Minuten Pause. Erledige schwierige Aufgaben in deinen Zeiten mit etwas höherer Energie, zum Beispiel am Vormittag.
3) Lerntechnik „Erklären statt Markern“
Anstatt lange Texte nur zu markieren, versuche, das Gelesene in drei Sätzen jemand anderem zu erklären. Das hilft gegen Grübeln, fördert die Konzentration und macht den Lernstoff besser zugänglich.
4) „Two-Tab-Regel“ am Rechner
Öffne maximal zwei Browser-Tabs für deine aktuelle Aufgabe und schalte alle Benachrichtigungen aus. Das mindert Reize und Ablenkungen, was gerade bei Konzentrationsproblemen im Studium mit Depressionen extrem wichtig ist.
5) Soziale Mikro-Schritte
Wähle bewusst Kontakte, die dich nicht überfordern: eine kurze Chat-Nachricht an eine Kommilitonin, in einem Lernraum statt allein zu Hause arbeiten oder einen regelmässigen Lern-Buddy finden. Soziale Verbindungen geben dir eine wichtige Stütze.
6) Prüfungen strategisch planen
Fokussiere dich zuerst auf machbare Leistungsnachweise, die dir schnelle Erfolge bringen. Stell frühzeitig einen Antrag auf Nachteilsausgleich oder eine Fristverlängerung, wenn du weisst, dass du mehr Zeit brauchst.
7) Den Tag strukturieren
Halte feste Zeiten ein, zu denen du morgens aufstehst, kurz spazieren gehst und deine Mahlzeiten einnimmst. Eine Tagesstruktur kann dir Halt geben.